„Every one is a moon, and has a dark side which he never shows to anybody.“
„Jeder ist ein Mond und besitzt eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt.“
Mark Twain

Liebes speGTRa-Publikum, sehr geehrte Damen und Herren!

Auch unsere Gegenwart wird noch immer von Mechanismen bestimmt, deren Wurzeln tief in der Entwicklungsgeschichte des Menschen liegen. Angst, Misstrauen oder Ablehnung entstehen oft dort, wo uns das Fremde begegnet und Wissen durch Vermutungen ersetzt wird. Aus Unsicherheit werden vorschnelle Urteile, aus Distanz entstehen Konflikte. Gleichzeitig besitzen wir Fähigkeiten, die Begegnung, Mitgefühl und gemeinsames Handeln möglich machen. Welche Seite in uns wir stärken, entscheidet jeder Mensch selbst.

Wenn wir die diesjährige Ausgabe von speGTRa mit diesem Zitat von Mark Twain eröffnen, geschieht das in einer Zeit, in der wir längst wissen, dass die vermeintlich dunkle Seite des Mondes niemals dunkel gewesen ist. Sie liegt nicht im Schatten, sondern nur außerhalb unseres Blickfeldes. Vielleicht gilt das auch für das Zwischenmenschliche. Nicht alles, was wir nicht erkennen können, ist dunkel. Manches wartet lediglich darauf, gesehen zu werden. Dazu muss man sich allerdings selbst auf die andere Seite wagen. Auch Twain sagt ja weiter: „ You have to slip around behind if you want to see it.“

Und deshalb besitzt Twains Metapher bis heute ihre Kraft. Sie erinnert uns daran, wie leicht wir das Unbekannte mit unseren eigenen Vorstellungen füllen und glauben, ein vollständiges Bild zu besitzen, obwohl wir nur einen Ausschnitt kennen.

Dass dieser Gedanke weit über die Literatur hinauswirkt, zeigt auch die Musikgeschichte. Pink Floyd griff die Metapher in The Dark Side of the Moon auf und machte sie zu einem Sinnbild für die verborgenen Seiten des Menschen.

Mit seiner eindrucksvollen Bearbeitung dieses Albumklassikers eröffnet Nguyen Lê das Kernprogramm von SONIC SPECTRUM. Gemeinsam mit seinem Dark Side Nine Ensemble verbindet er Jazz, Rock und Weltmusik zu einer eigenständigen Klangsprache, die den Geist des Originals bewahrt und zugleich überraschende neue Perspektiven eröffnet.

Die Künste sind seit jeher ein Ort, an dem Perspektiven erweitert werden. Musik, Literatur und die darstellenden Künste ermöglichen Erfahrungen, die jenseits vorschneller Urteile liegen. Sie lassen uns die Welt für einen Augenblick mit den Augen anderer sehen – oder mit ihren Ohren hören.

Dass Offenheit und kulturelle Vielfalt zu den tragenden Ideen unseres Festivals gehören, verkörpert unsere Festivalpatin Clarice Assad auf einzigartige Weise. Die brasilianisch-amerikanische Komponistin, Pianistin und Sängerin bewegt sich wie selbstverständlich zwischen klassischer Musik, Jazz, brasilianischen Traditionen und improvisierter Musik. Ihre Werke überschreiten stilistische Grenzen ebenso wie kulturelle.

Internationale Künstlerinnen und Künstler begegnen Musikerinnen und Musikern aus Aachen und Nordrhein-Westfalen und lassen Clarice Assads Musik in immer neuen Besetzungen lebendig werden. Ihre Musik zieht sich wie ein roter Faden durch das Festivalprogramm. Erfahrene Solistinnen und Solisten treffen auf junge Talente und erarbeiten gemeinsam mit der Festivalpatin ihre Werke.

Bereits unsere generationsübergreifenden Projekte El Sás und seine Freunde sowie Let's Groove haben gezeigt, wie verbindend gemeinsames Musizieren sein kann. Im Kernprogramm unserer 14. Festivaledition setzen wir diesen Gedanken fort – mit Konzerten voller Begegnungen, Überraschungen und neuer Perspektiven.

SONIC SPECTRUM – Schallspektrum – ist weit mehr als ein physikalischer Begriff. Es kann ein Bild für eine lebendige Gesellschaft sein. So wie ein Klang erst durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Frequenzen seine ganze Tiefe entfaltet, lebt auch unser Miteinander von der Vielfalt verschiedener Stimmen. Vielfalt ist kein Störgeräusch. Sie ist der Resonanzraum, aus dem Neues entstehen kann.

Vicente Bögeholz